Seit langem sitzen wir mal wieder im Auto, um mehr als nur kleine Distanzen zurück zu legen. Wir fahren durch hügelige Wüstenstraßen, links und rechts von uns nichts als Felsen und Büsche. Die gelegentlichen Warnschilder für Klapperschlangen sind eine willkommene Abwechslung.
Ab und zu sieht man auch Hinweise darauf, dass Esel die Straße kreuzen können. Aus diesem Grund fahrt Markus auch besonders vorsichtig. Man hat schon oft von fürchterlichen Unfällen mit dem gemeinen, amerikanischen Sprungbockesel gehört! Die Kopfschmerzen haben sich inzwischen wieder beruhigt, auch wenn die holprige Straße ideale Voraussichten für das Wiederaufleben ebendieser bietet. Hier sind die Straßen noch so gebaut worden, wie der Untergrund eben gerade war. Begradigt wurde hier nichts, weshalb sich bei jedem zweiten Hügel der Magen hebt, wenn man ein bisschen schneller dran ist. Hier kommt ein bisschen Rollercoaster-Feeling auf. Aber wenigstens haben wir genug Zeit, den gestrigen Abend gemeinsam wieder rekonstruieren zu können. Ständig kommen neue Geschichten von einem unserer Truppe und bei allen stellt sich ein großes „Ajaaaa, das war ja auch noch!“-Erlebnis ein.
Gestern war unser letzter Abend in Las Vegas, weshalb wir beschlossen, sich fein herauszuputzen und noch einmal Alles zu geben. Zum ersten Mal seit Tagen kam wieder mal eine lange Hose zum Einsatz. Dazu noch ein Hemd und ich konnte meine bereits erwähnte neue Krawatte ausführen. Beim letzten Walmart-Besuch statteten wir auch der Hutabteilung einen Besuch ab und fanden die Idee eigentlich ganz gut, auch mal mit Hut fortzugehen. Perfekt gestylt führte uns der erste Weg in eine kleine Einkaufs-Meile im Planet Hollywood, um sich eine ordentliche Unterlage anessen zu können. Fündig wurden wir bei „Fresh – Bar & Grill“. Ein heißer Tipp für alle, die nach Vegas fahren: Chicken BBQ Quesadillas! Vollgefressen bot es sich an, dass es im selben Einkaufscenter auch einen Fat Tuesday gab, der die mittlerweile alltäglichen Frozen Drinks, von denen wir eigentlich immer noch nicht wissen, wie sie genau heißen, verkaufte. Mit diesen Plastiktröten vollgefüllt mit bunten Flüssigkeiten verfloss unser kleines bisschen Glamour sofort. Aber egal, unser Ziel war es ohnehin, einfach nur Spaß zu haben. Im Mirage kann man den durch die Shows von Siegfried und Roy berühmten weißen Tiger beim fressen, spielen und herumliegen zuschauen. Den Delfinen ebenso. Wäre eigentlich interessant gewesen, wenn der letzte Einlass nicht schon vor zwei Stunden gewesen wäre. „Luck is a birderl“, wie MJ es gerne nennt. Das Glück ist ein Vogerl. Und diesmal war das Glück auf Michaels und meiner Seite, denn wir erzielten einen satten Gewinn bei den supermodernen, mit 3D-Bildschirmen ausgestatteten Spielautomaten im Mirage. Michael konnte seinen Einsatz um 390% erhöhen, meine Gewinnsteigerung betrug satte 710%. Dass es sich nur um einen Dollar Einsatz handelte hatte einen schalen Beigeschmack.
Es bot sich an, dass die nächste Vulkan-Show vor dem Mirage kurze Zeit später begann. Markus und Michael kümmerten sich um einen Fat Tuesdays-Refill und verpassten dadurch natürlich die Show. Bei dem künstlichen Vulkanausbruch verfließen Wasser und Feuer nahtlos ineinander. Beeindruckende Feuerfontänen, begleitet von dem donnernden, bedrohlichen Grollen. Nach der Show kamen die zwei Versorgungsbeauftragten mit einem Refill für sich selbst und mich zurück. Doch diesmal mit einem Extra-Shot Vodka oder Rum oder Felgenreiniger oder…. ich weiß es nicht. Michi und Carina haben sich in weiser Voraussicht gegen einen zweiten Liter von der kalten Pampe entschieden.
Gleich neben dem Mirage befindet sich das Treasure Island, wo wir uns die Piratenshow „Sirens of the TI“ ansehen wollten. Vor dem Hotel haben sich schon hunderte Menschen positioniert, um einen perfekten Blick auf die großen Schiffe zu haben. Ein paar Minuten nach geplantem Beginn kam eine kurze Durchsage, dass die Show nicht stattfindet und gehofft wird, dass die nächste Show stattfinden kann. Mir kam diese Absage nicht unrecht, weil sich der Drink langsam bemerkbar machte und auf die Blase drückte, weshalb wir ins Gilley’s, einem Western Saloon im Treasure Island gingen. Ein heißer Tipp! Vor allem für Männer! Die Bedienungen tragen schwarze BHs, ein passendes kurzes Höschen uuuuuuund Chaps!! Es tut mir leid, Anita, aber ich musste ja aus Recherche-Zwecken hinsehen! Nach ein paar Drinks und eine Stunde später versuchten wir wieder unser Glück für die Show vor dem Hotel. Diesmal fand sie tatsächlich statt, doch was unterhaltsamer war, war die Partie von zwei Mädels und zwei Burschen auf der Viewing-Area neben uns. Wir unterhielten uns die ganze Show über miteinander über alle möglichen Dinge. Wie es bei so gut wie jedem Fettnäpfchen ist, bin ich auch hier in eines hineingetreten. Nach einer blöden Meldung von MJ und Schnuffi hab ich die beiden als „fucking cocksuckers“ bezeichnet. Daraufhin entgegnete einer der Typen „Yeah, me too!“. Die anderen haben gemerkt, dass es sich bei denen um zwei Schwule handelte. Ich nicht! Ich beschloss, in Zukunft mit solchen Meldungen aufzupassen. Die Show selbst war übrigens eher langweilig und enttäuschend. Da haben andere Hotels weit besseres zu bieten!
Die nächste geplante Show waren die berühmten Wasserfontänen vor unserem heutigen Hotel, dem Bellagio. Mit unserem Glück wurde auch diese Show gestrichen. Wegen Wartungsarbeiten. Aha! Die vorige Show hat noch problemlos stattgefunden. Nachdem ohnehin alle 15 Minuten eine andere Show präsentiert wird, warteten wir einfach auf die nächste, die dann auch stattfand. Zu Andrea Bocelli’s Time to say goodbye tanzten die Wasserstrahlen, begleitet von einer Lichtshow. Wahnsinnig spektakulär, wie sich vor einem die bis zu 75 Meter hohen Fontänen mit einem lauten Knall aufbauen. Nach einem weiteren Bier entschieden wir uns, ins Bellagio zurück zu kehren um mal zu sehen, was dort noch so los ist. Die Mädis nahmen Platz an einem der Roulette-Tischen und versuchten ihr Glück. Die Bubis wollten noch etwas erleben, weshalb wir uns ohne großer Verabschiedung in den hauseigenen Club „The Bank“ begaben. Von der Tatsache überzeugt, dass wir aufgrund unseres Zustandes ohnehin nicht hinein kommen würden, legte uns Michael noch einen Stein in den Weg. Wir standen fälschlicherweise bei der Damen-Gästeliste angestellt, als plötzlich ein Typ herkam und uns das erklärte. Michael antwortete darauf mit einem überheblichen und unfreundlichen „And you are who?“, was so viel bedeuten sollte „Und du bist wer?“. Nahe am Lachkrampf standen wir dann trotzdem auch schon drin im Club. Und das nach einem kleinen Eintritts-Beitrag von schlappen 30 Dollar pro Person! In „The Bank“ angekommen, musste zuerst ein Bier her. Drei Corona und die nächsten 30 Dollar waren weg. Da merkte man erst, wie wenig Geld hier zählt. Aber der Club war es wert. Eine gute Mischung aus Black und House, super Stimmung und eine Menge wichtige Leute, die ständig von den riesigen Hünen von Securities durch den Club gelotst wurden. Ohne Rücksicht auf Verluste seitens der normalen Gäste. Nach ein oder zwei oder drei Stunden auf der Tanzfläche verabschiedeten wir uns von The Bank und erklärten den letzten Abend für erfolgreich. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wussten wir, dass Erlebnisse wie im Film „Hangover“ in einer Stadt wie Vegas auf jeden Fall möglich sein können! Auch wir hatten Probleme, sich an die ganzen Ereignisse zu erinnern. Das lag zum einen mit Sicherheit am Alkohol, das größere Problem aber ist, dass man in so kurzer Zeit so viel erlebt.
Der Tag begann heute mit einem allseitigen „Ich trink nie wieder was!“-Vorsatz. Mal sehen, wie lange er diesmal hält. Nach dem Check-Out setzen wir uns wehmütig ins Auto, um die Stadt der Sünde zu verlassen. Weg von allen Lichtern, den freakigen Menschen, dem Klingeln der Casino-Automaten, den nervigen Flyer-Verteilern für Strip-Clubs und dem ganzen Lifestyle, sowie den Metallständern an jeder Straßenecke mit Kontaktanzeigen von Damen, die ihre Dienste für „Gentlemen Entertainment“ anbieten. Ich denke, es gibt weltweit keine andere Stadt, wo so viel Sex in der Luft liegt. Eines steht bereits fest: Es wird nicht das letzte Mal in Vegas gewesen sein! Für einen einmaligen Besuch verzaubert diese Stadt viel zu sehr!
Da wir ohnehin schon spät dran waren und alle einen Bärenhunger hatten, fiel die Wahl für die Frühstücks-Mittagsessen-Kombination auf Wendy’s, die beste Fastfood-Kette in Amerika. Gestärkt und mit einer Menge Wasser vom Walmart gegenüber eingedeckt, konnten wir die Reise Richtung Death Valley antreten. Der erste Stopp auf der Route war Rhyolite, eine Geister-Stadt, die während der Goldgräberzeit aufgebaut wurde und dann schließlich auf Grund der Abwanderung 1919 aufhörte zu existieren. Zu ihrer besten Zeit war dieser Ort die drittgrößte Stadt in Nevada mit über 50 Saloons, mehreren Eisenbahnlinien und drei verschiedenen Zeitungen. Eigentlich hätte ich es mir spektakulärer vorgestellt, aber was solls. Gesehen sollte man es haben. Auf der hügeligen Straße ging es weiter zum „Devil’s Golf Course“, einem weitläufigen Areal weit unter dem Meeresspiegel, wo durch Wind und Wasser lauter kleine, ungefähr 30 Zentimeter hohe Stein-Hügelchen mit scharfen Kanten gebildet werden. Überzogen sind diese Steine alle mit einer leichten Salzschicht.
Posiert, Fotos gemacht, wieder ins Auto gesetzt und weiter gefahren zum „Badwater Basin“, der tiefsten Stelle Amerikas. 88,5 Meter unter dem Meeresspiegel. Wie schon beim vorigen Stopp, war der Wind auch hier ziemlich heftig, da sich auf den weiten ebenen Salzfeldern nichts befindet, was den Wind aufhalten könnte. Nach einem kleinen Spaziergang über diese Felder kam ein heftiger Windstoß und blies mir die Sonnenbrille von der Nase. Das Resultat: Innerhalb von 10 Tagen, zwei Mal die Brille kaputt. Ich weiß nicht, ob ichs beim ersten Beitrag erwähnt habe oder nicht, aber jedenfalls habe ich sie im Flugzeug schon das erste Mal kaputt gemacht. MJ, mein leibeigener Optiker konnte sie aber glücklicherweise schnell wieder richten.
Bisher hatte ich mir das Death Valley eher wie eine endlos scheinende Sandwüste vorgestellt. In Wirklichkeit ist es dort sehr hügelig und relativ grün. Stellenweise sieht man im Hintergrund richtige Sanddünen, die irgendwie aussehen, als wären sie künstlich da hingebracht worden, weil sie nicht zum restlichen Bild passen. In einem Punkt deckten sich meine Vorstellungen allerdings mit der Realität: Wenn es einen Arsch der Welt gibt, dann muss er dort sein! Hätte man dort eine Autopanne wäre die beste Lösung vermutlich, sich einen schönen Platz zum Sterben auszusuchen. Ganz so schlimm ist es natürlich nicht, aber von Leben ist im Death Valley echt weit und breit keine Spur! Kein Wunder, denn wer will schon bei Temperaturen von über 50°C leben? Glücklicherweise hatte es bei uns nur um die 30°C. Die Straßen schrien lautstark nach der Heraufbeschwörung einer Autopanne. Die Hügel in der Straße machten Lust auszuprobieren, ob man nicht doch das Auto zum Abheben bringen könnte. Wir haben es zwar einige Male versucht, es aber nur zu vielen „Magenhebern“ geschafft. Stundenlang war keine einzige Stadt zu sehen. Nach vielen Meilen tauchte eine Tankstelle auf, die dem Klischee eines Horror-Films nicht besser entsprechen hätte können. Es dämmerte bereits, zwei alte Autos standen auf dem Parkplatz, eine einzige Zapfsäule und große Neonbuchstaben, wovon einige nicht leuchteten. An der Eingangstür hing ein Warnhinweis, dass ein entführtes Kind gesucht wird.
Zum Abendessen gingen wir wiedermal zu Subway, mittlerweile unserer liebsten und auch billigsten Alternative zu Burgern. Die Temperaturen sind inzwischen wieder auf das Überlebensminimum gesunken. Gute 30°C Unterschied zu Las Vegas. Blöderweise hatten wir alle noch das sommerliche Wüsten-Outfit an: T-Shirt, kurze Hosen und Flip Flops. Nicht unbedingt das Richtige für Außentemperaturen von ungefähr 5°C. Hier tanzt der Eisbär Samba!
Nach einer Gesamtfahrzeit von guten 11 Stunden sind wir nun endlich in Bakersfield angekommen und haben das erstbeste Hotel bezogen. Das Zimmer ist ungefähr 5×4 Meter groß, aber nachdem wir ohnehin nur zum Schlafen hier sind, ist uns das heute egal. Vom 5* Bellagio in ein -2* Motel. Der tiefe Fall der Amerika-Reisenden. Aber jetzt ist es eindeutig Zeit fürs Bett!




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