Whale Watching in Tadoussac: Hammer!

Traditionen soll man nicht brechen, daher zuerst die irrelevanten Infos. Dadurch, dass wir uns für zwei Nächte ein Zimmer zu fünft teilen hab ich die Chance genutzt und mir das Schlafsofa gekrallt. Wobei ich gar nicht sicher bin, was sich unter der Matratze befindet. Es klingt jedenfalls nach einem alten Fahrradrahmen, der mit zwölf Grillzangen und einem Fleischwolf zusammengedrahtet wurde. Bei jeder kleinen Bewegung knarzt und kracht es. Und nein, das liegt nicht an den bisher verputzten Burgern. Zumindest nicht ausschließlich. 

Nach einem kleinen Frühstück am Zimmer war um 8 Uhr Abmarsch zum Ticketschalter von Croisières AML, der keine 10 Minuten Fußweg entfernt war. Dort holten wir die Karten für die heute geplante Tour: mit dem Schiff in den Fjord Saguenay und zum Whale Watching. Wir hatten die Wahl, mit dem Shuttle Bus in 45 Minuten zum Hafen zu fahren oder einfach 20 Minuten zu Fuß zu gehen, was wir auch taten. Vor Ort spazierten wir ein Stück Richtung Wasser und entdeckten dabei ein paar Heidelbeersträucher, über die sich meine vier Damen stürzten. Ich hab sicherheitshalber keine gegessen, falls es sich nicht um die geglaubten Heidelbeeren gehandelt hätte und es doch irgendwelche halluzinogenen Spaßmacher gewesen wären.

Die drei Damen vom Busch
Ordentliche Ausbeute

Kurz nach 09:15 Uhr war Boarding angesagt und wir suchten uns einen Platz an Bord der AML Zephyr. Eigentlich wollten wir außen sitzen, aber da war leider schon alles voll, somit suchten wir uns einen Platz unter dem Verdeck. Da nicht übermäßig viele Leute diese Tour gebucht hatten, war es kein Problem, sich rund herum frei zu bewegen, was die Sache natürlich angenehm machte. Zuerst fuhren wir den Fjord entlang, der zwischen 130 und 280 Meter tief ist, also viel tiefer als ich erwartet hätte. Das Wasser besteht oben aus einer dünnen Schicht wärmeren Süßwasser, während die untere Schicht aus kaltem, schweren Meerwasser gebildet wird. Dieser besondere Umstand führt dazu, dass Wale vor allem im Sommer zum Fressen in dieses Gebiet pendeln, da es besonders futterreich ist, um sich die nötigen Fettreserven für den Winter anzufressen, den sie in wärmen und somit futterärmeren Gewässern verbringen. Weil das Wasser so dunkel ist, gibt es in dieser Gegend übrigens kaum Vögel, da diese die Beute, also kleine Fische, schlichtweg nicht sehen würden. 

Der dunkle Teil oberhalb des Wasserspiegels kommt vom höheren Wasserstand bei Flut, der helle Teil davon, dass die Eisplatten im Winter hier seit Jahrtausenden am Fels entlang schrammen.

Nach kurzer Zeit waren wir froh, dicke Pullis und Jacken angezogen zu haben, denn es wurde ziemlich frisch, vor allem im Außenbereich des Boots. Gestern Sonnenbrand, heute Gefrierbrand. 

Nicht nur kerstinkalt, sondern auch anitaundchriskalt!

Es dauerte nicht lange und die Motoren wurden gedrosselt, da wir uns den Klippen näherten und unsere ersten Tiere in freier Wildbahn sahen: Kegelrobben! Ich finde, es ist immer ein ganz besonderer Moment, wenn man sowas zum ersten Mal erlebt. Jeder versuchte, den Perfect Shot, das perfekte Foto, hinzubekommen, also wurden die ersten Exemplare mit dem Handy noch zu Tode herangezoomt, während man sich danach auf das Erlebnis selbst konzentrieren konnte. 

Die ersten zwei gesichteten Kegelrobben – ein Suchbild.

Die erste kleine Gruppe an Kegelrobben

Die Tiere werden bis zu 1,5 Meter lang und 100 Kilo schwer. Immer wieder tauchten Köpfe aus dem Wasser auf, bis sich plötzlich auch schon der erste Wal blicken ließ. Es war ein Beluga-Jungtier, das in der Ferne seinen weißen Rücken zeigte. Natürlich versuchte auch ich wieder, ein super Bild hinzubekommen. Mit überschaubarem Erfolg:

Der kleine weiße Streifen ist der Rücken des Belugas.

Zeitweise entdeckten wir weiße, unterschiedlich große Gebilde im Wasser, die wir zuerst als Kopf eines Belugas identifizierten. Es war aber dann doch nur irgendwas Moosartiges, was wir Meeresbiologen normalerweise als Freudensaft liebeshungriger Wale bezeichnen. You‘re whale cum!

Immer wieder tauchten Robben rund um unser Boot auf, begleiteten uns ein Stück und tauchten wieder unter. Die größte Gruppe bestand aus über 30 Exemplaren, die sich von unserem Boot völlig unbeeindruckt zeigten. Ich hingegen war massiv beeindruckt und irgendwie glücklich.

Wenn Robben hinter Robben robben, robben Robben Robben nach.

Unser Tourguide erklärte uns eingangs die Art der Navigation mittels Zeigerstellungen auf der Uhr und so fiel es allen leicht, schnell in die richtige Richtung zu sehen, wenn sich ein Wal blicken ließ. Und man erkannte recht eindeutig, wer nach der Flik Flak auf eine Digitaluhr umgestiegen ist, weil die Zeiger zu verwirrend waren. Anita und ich hielten draußen ganz vorne die Stellung und die Augen offen, ob wir ein weiteres Tier entdecken würden. Wir scannten die Wasseroberfläche nach Auffälligkeiten, aber im Grunde genommen ist es wie ein zehn mal zehn Meter großes Wimmelbild, bei dem man Waldo‘s Vorhautpiercing von zwei Millimetern Länge finden muss. Trotzdem hatten wir Glück und immer wieder tauchten Belugas und Zwergwale auf. Man darf sich das natürlich nicht vorstellen wie bei Free Willy oder Sea World, dass die Wale übers Boot oder durch brennende Reifen springen. Das ist nunmal in der Natur ein wenig anders und somit waren sie meist auch nur in weiterer Entfernung zu sehen. Und nur dann, wenn man im richtigen Moment in die richtige Richtung schaute. 

Ein Zwergwal beim 3- bis 6-maligen Luftholen, bevor er für ungefähr 10 Minuten wieder abtaucht.

Highlights des Tages müssen heute wohl nicht individuell erwähnt werden, da es vermutlich gemeinschaftlich die Bootstour gewesen ist, auch wenn der Tourguide meinte, dass heute ein schwieriger Tag war, um Wale zu sehen. Aber das kann schließlich keiner beeinflussen und selbst wenn uns die richtig großen Exemplare verwehrt geblieben sind, war ich für meinen Teil sehr zufrieden mit den Erlebnissen. Nach knapp drei Stunden auf dem Wasser legten wir wieder an und entschieden uns dazu, den Coastal Walk, also einen 30-minütigen Mini-Wanderweg die Küste entlang zu machen. 

Meine kleinen Zwergbergziegen
Mit diesem Schiff waren wir unterwegs.

Es begann immer wieder zu regnen und somit sahen wir von unserem eigentlichen Plan, die Zechn ins Wasser zu stecken ab und beschränkten uns auf den kalten Sand. Unten barfuß, oben dick bepackt. Quasi unten Seychellen, oben Seybirien. 

Halberfrorene Kasler im Sand für die Fußfetischisten

Es war wieder mal Zeit für ein verspätetes Mittagessen, also suchten wir in der herzigen Kleinstadt Tadoussac nach einem geeigneten Restaurant und Anita entdeckte Le Bateau, ein Lokal mit tollem Ausblick und gutem Essen. Ich probierte eine für uns neue kanadische Spezialität, nämlich Tourtière, eine Art Fleischkuchen, der fixer Bestandteil des Weihnachts- bzw. Neujahrsessens ist. Sah zwar aus wie schon einmal gegessen, war geschmacklich aber voll okay. Den direkten Vergleich mit Poutine verliert Tourtière aber haushoch. 

Tourtière: Gedünstetes Fleisch mit Erdäpfel und anderem Zeug
Aussicht beim Essen

Da wir noch eine Kleinigkeit fürs Abendessen benötigten, führte uns der nächste Weg zum lokalen Supermarkt, um Milch und Cerealien zu besorgen. Scheinbar wirkte das Schwanken des Bootes noch nach und ich fühlte mich, als hätte ich bereits die zweite Flasche Wein intus, da sich das ganze Gebäude zu bewegen schien. Ich musste raus an die frische Luft, was glücklicherweise gegen den leichten Schwindel half. Im Souvenirshop danach ging es Anita und mir wieder so, doch schnell wurde es wieder besser. 

Es regnete immer noch – mal mehr, mal weniger – aber zu viel um irgendwas draußen zu unternehmen. Am Plan standen eventuell noch die Dünen von Tadoussac, aber Sanddünen bei Regen sind halt auch nicht das Wahre. So beschlossen wir, einen ruhigen Spätnachmittag einzulegen und jeder verzog sich in unserem Familienzimmer in ein anderes Eck. Kerstin schaute Videos, Anita las in ihrem Buch, die Kids spielten auf ihren Tablets und ich – Herrscher über mein eigenes kleines fragiles Ökosystem aka Schlafgestell – nutzte die Zeit zum Musikhören und Dahindösen. Auch wenn wir hier sind um viel zu erleben, sind, gerade mit den Kids, die ruhigen Phasen extrem wichtig, um keinen kompletten Kollaps zu bekommen. Nach dem Abendessen regnete es immer noch und so fiel der Abendspaziergang wortwörtlich ins Wasser. 

Dicke Wolken über Tadoussac

Bei der allabendlichen Vorbesprechung des nächsten Tages stellten wir mit Schrecken fest, dass die erste von drei Wochen bereits vergangen ist! Sowohl die Zeit, als auch die Kilometer verfliegen hier extrem schnell.

Am schnellen, aber unruhigen Einschlafverhalten Julias merkte man heute, dass sie wohl einiges zu verarbeiten hatte. Ob es die vielen Eindrücke am Schiff waren oder doch die spannenden Rennen mit ihren imaginären Pferdefreunden Floravi und Topsi weiß ich nicht. Ich hoffe jedenfalls, dass sich beide Kids noch lange an diesen Ausflug erinnern werden. Ich werde es auf jeden Fall! 

PS: Vielen Dank an die zahlreichen Leser des Blogs. Bereits vorgestern haben wir die Marke von 1.000 Aufrufen überschritten! 

Schnappschüsse des Tages:

Das berühmte Hotel Tadoussac
Gibt schlimmeres, als diesen Ausblick. Tot sein zum Beispiel.
Landschaftspflege wird hier wirklich riiiiiesengroß geschrieben
Beim Robbenschauen
Diese Tierarten gäbe es theoretisch zu sehen. Unsere Ausbeute beschränkte sich auf Minke Whales (Zwergwale), Belugas und Grey Seals (Kegelrobben)
MEINS!
BE CAREFUL!
Schon schön!
Es wirkt, als wäre das Fischerdorf vom gestrigen Wasserpark zum Leben erweckt worden.
Die kanadische Würstelmausi, nur dass sie hier Mathilde heißt und keine erstklassigen Käsekrainer oder Spritzer hat!

4 Antworten zu „Whale Watching in Tadoussac: Hammer!“

  1. Und wieder unterbreche ich das Frühstück, denn der Bericht und die tollen Eindrücke von eurem Ausflug faszinieren ungemein! Es freut mich sehr, dass ihr euch trotz Regens nicht die Laune verderben lässt.

    schönen Tag und glg

    Gefällt 2 Personen

  2. mega spannend, eure Reise im Blog mitzuerleben. Bin schon gespannt, wie es weitergeht.

    Gefällt 2 Personen

  3. So tolle Eindrücke und Erlebnisse!! Das Mitlesen macht so großen Spaß! Wir wünschen euch weiterhin eine schöne Zeit, viele tolle Unternehmungen und freuen uns auf die nächsten Berichte 🤩😍 Lg von den Pusniks 🍀

    Gefällt 1 Person

  4. deine Beschreibung vom Sofa wieder mal ein Erlebnis, so lustig! Schade dass ihr keine großen Wale gesehen habt! Wir haben in Island etliche Buckelwale ganz nah am Boot gesehen, ein unvergessliches Erlebnis! Sowie Delfine! Aber Belugawale sind etwas besonderes! Liebe Grüße Herta

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse eine Antwort zu SPMH Antwort abbrechen