Ottawa erleben – Zu Fuß, mit Bus und Boot

Ottawa macht offensichtlich müde. Emilia hat bis 7 geschlafen, Julia hat bis 8 Uhr. Scheinbar haben sie es gebraucht. Wir wollten ohnehin ein wenig Geschwindigkeit aus unserem Programm nehmen, daher passte das ganz gut. Beim Frühstück war leider in keinem der dafür vorgesehenen Räume Platz, somit schnappte sich jeder das was er wollte und wir nahmen am Esstisch unserer Suite Platz. War viel gemütlicher und man konnte viel besser erkennen, wie wenig Wert man hier auf Nachhaltigkeit legte. Alles extra verpackt in Kleinportionen, teilweise zwar in Karton statt Plastik, aber der Müllberg war trotzdem unnötig riesig. 

Mehr Müll geht dann wohl kaum mehr.

Gegen zehn marschierten wir los, um die Stadt zu Fuß zu erkunden. Der erste Weg führte uns am National War Memorial vorbei in den Major‘s Hill Park. Für das eigentlich geplante Picknick war noch zu wenig Zeit zum Frühstück vergangen, deshalb beschränkten wir uns auf eine kleine Obstjause. 

Kurzes Päuschen
Julias „bester Freund und Haustier“
Endlich haben wir unsere Sherpas gefunden

Im gesamten Park, oder besser gesagt in ganz Kanada sticht durchgehend ein penetrantes Surren ins Ohr. Wie eine kleine Sirene, mal leiser, mal lauter. Woher es kommt wussten wir noch nicht, wir tippten aber auf irgendwelche dicken Hummeldinger, die bereit wären, Liebe zu machen. Kerstins Recherche hat später ergeben, dass es sich um Singzikaden handeln müsste, die eine Lautstärke von bis zu 120 Dezibel erreichen können. 

Für unser Ziel mussten wir den Ottawa River überqueren und damit (nach gestern bei der Anreise mit dem Auto) erst zum zweiten Mal seit wir in Kanada sind den Bundesstaat wechseln. Bisher waren wir ausschließlich in Quebec unterwegs, jetzt befinden wir uns in Ontario. Das hat auch Auswirkungen auf die Sprache, denn hier wird primär Englisch gesprochen, was uns den Alltag natürlich ein wenig erleichtert. Und eigentlich waren wir auch gar nicht mehr in Ottawa, sondern in dessen Zwillingsstadt Gatineau, aber so genau nehmen wir Kanadier das ohnehin nicht. Nach ein wenig Verwirrung, verursacht von Baustellengittern, die großteils von der Feuerwerkshow kamen, die hier im Sommer jeden Mittwoch und Samstag stattfindet, fanden wir schlussendlich den Eingang zum Canadian Museum of History.

Wie überall in Ottawa: Baustellen und Gerüste
Noch wussten wir nicht, was uns erwarten sollte

Natürlich zog es die Kids sofort zum eigenen Kinderbereich. Dass wir ohnehin nur deshalb dort waren haben wir ihnen vorsichtshalber nicht offenbart. Beim Eingang zu diesem Bereich bekamen die zwei Mädels einen Reisepass und bei jeder besuchten Station bzw. jedem besuchten Land durften sie den entsprechenden Sticker einkleben. Den Anfang machte ein Theater, bei dem man nicht nur in verschiedene Rollen schlüpfen konnte, sondern auch die Aufgaben von Regie, Licht, Maske und allem anderen übernehmen musste. Highlight war natürlich die Aufführung der beiden, die einer Show des Cirque du Soleil um nichts nachstand. Naja, um fast nichts. 

Alles, was das Verkleidungsherz begehrt
Die Licht- und Tontechnik für die richtige Stimmung und die Bühne im Hintergrund.

Weiter ging’s im Bus nach Pakistan (oder Takispan, wie es Emilia nennt), zu den Pyramiden nach Ägypten, den Bräuchen von Malaysia und vielen mehr. Nach über zwei Stunden machten wir noch einen Abstecher in die Bauabteilung und kreierten das wohl hervorragendste Bildnis, das die Welt je gesehen hat. Oder so. 

Auf nach Takispan!
Anita und ich ohne Make-up
Zuerst malaysische Schattenfiguren gebastelt..
…und dann gleich präsentiert.
Verhaltene Reaktionen aus dem Publikum
Die begehbare Brezel-Zeitmaschinen-Dreiecksring-Toilette

Wir waren jedenfalls froh, wieder Tageslicht zu sehen und ich bevorzugte für kurze Zeit das Zirpen der Singzikaden gegenüber der presslufthammerähnlichen Lautstärke im Museum. Kerstin meinte gar, dass der Schritt durch die Ausgangstüre wohl eines ihrer heutigen Highlights werden würde. Das Gebäude wurde übrigens vom kanadischen Architekten Douglas Cardinal geplant, der sich an den indigenen Mythos gehalten hat, dass sich das Böse in den Ecken verbirgt. Dies erklärt auch das geschwungene Erscheinungsbild.

Gfladert von historymuseum.ca

Spielen und entdecken macht bekanntlich hungrig. Und heute wollte ich mir einen kulinarischen Wunsch erfüllen und bei Wendy‘s speisen. Zu meinem großen Glück spuckte Google Maps einen roten Marker im direkten Umfeld unseres Hotels aus. Bei genauerem Hinsehen war es aber Wendy‘s Studio. Ein Friseursalon. Schas, wieder nix. Aber ein paar Tage hab ich ja noch. Als Alternative besuchten wir nochmals den nächstbesten A&W. 

Bereits beim Spazieren durch die Stadt haben wir einen Amphibienbus gesehen und dachten, dass das doch die optimale Aktivität für den Nachmittag sein würde. Die Einstiegsstelle war keine zehn Minuten Fußweg vom Mittagessen (es war eher eine Miause – für Mittagessen zu spät, für Jause zu früh) entfernt, also kauften wir die Tickets für den Bus 25 Minuten später und schon ging es los. Die ersten 20 Minuten erklärte Cameron, unsere unterhaltsame Live-Kommentatorin, die jeweiligen Gebäude, an denen wir vorbei fuhren und erzählte die eine oder andere Anekdote, während unser Kapitän Gabriel alles im Griff hatte. Der spannendste Moment war natürlich der, in dem aus dem Bus ein Boot wurde und wir ins Wasser fuhren. 20 Minuten lang cruisten wir am Ottawa River herum, sahen die Parlamentsgebäude von hinten, kreuzten die Brücke, über die wir schon zweimal spazierten und fuhren schließlich wieder zu der Stelle zurück, an der wir kurz zuvor.. wie nennt man sowas? Gibts dafür ein Wort wenn man mit einem Bus ins Wasser fährt? Außer dumm? Naja, jedenfalls fuhren wir dorthin zurück, wo wir zuvor vom Bus zum Boot wurden. Transformers light quasi. 

Lady Dive, wir haben heute noch ein Date!
War schon lustig, sowas mal auszuprobieren

Über einen kleinen Umweg (diesmal beabsichtigt) zum Parliament Hill, vorbei an den aus mehreren Teilen bestehenden Parlaments- und Regierungsgebäuden, traten wir den Heimweg an. Wir kamen unter anderem bei der (nicht ganz) ewig brennenden Flamme Centennial Flame (sie wird bei Schlechtwetter oder für Reparaturen abgeschalten) vorbei und konnten auch nochmals das Parlament selbst aus der Nähe betrachten. Der höchste Teil in der Mitte ist der Friedensturm, der nach einem mysteriösen Brand 1916 im Jahre 1927 als Ergänzung dazu kam, um den Opfern des ersten Weltkrieges zu gedenken. Besonderheit ist die auf der Turmspitze wehende Kanada-Flagge, die jeden Tag durch eine neue getauscht wird. Kanadische Bürger können sich online dafür registrieren, eine der abgenommenen Flaggen kostenlos zugeschickt zu bekommen. Das wäre dann aber eher ein Geschenk für die nächste oder übernächste Generation, denn aufgrund der hohen Nachfrage beträgt die aktuelle Wartezeit 123 Jahre. Wie sehr viele andere Gebäude waren auch die Parlamentsgebäude allesamt für Renovierungsarbeiten eingerüstet. Man scherzt hier darüber, dass es nur zwei Jahreszeiten gäbe: Winter und Baustellenzeit.

Die Centennial Flame vor dem Parlament
Geht’s doch bitte weg, wenn ich ein Foto machen will! In der Mitte ganz oben sieht man die heiß begehrte Fahne.

Ottawa ist übrigens bereits die fünfte Hauptstadt Kanadas. Den Anfang machte Kingston, gefolgt von Montreal, Toronto und Quebec. Warum das so ist, darüber ranken sich zahlreiche Mythen, wie etwa, dass Queen Victoria am 31. Dezember 1857 eine Stecknadel fallen hat lassen und Ottawa einfach die nächstgelegene Stadt war. Plausibler ist allerdings, dass der Ort von ihr ausgesucht wurde, da er strategisch gut gelegen und kriegstechnisch leichter zu verteidigen war, als beispielsweise Toronto, das zu nahe an der amerikanischen Grenze läge. 

Gegen 18 Uhr waren wir schließlich wieder im Hotel und Anita und Kerstin nutzten den kostenlosen Wäscheservice, um für die nächsten Tage gerüstet zu sein. Denn es geht ab in den nächsten Nationalpark, nämlich Algonquin. Diesmal schlafen wir allerdings nicht in einem feinen Hotel, sondern authentisch in einer Holzhütte ohne fließendem Wasser und ob es Strom gibt, bin ich mir noch nicht ganz sicher. Das bedeutet auch: kein WiFi. Und das wiederum heißt, die nächsten paar Tage wird es hier ein wenig ruhiger werden. Dafür gibt’s danach hoffentlich umso mehr zu erzählen. 

Abschließend noch zur Hauptstadt Kanadas: Ottawa an sich versprüht schon einen eigenen Charme und ist durchaus als schöne Stadt zu bezeichnen. Ein wenig verschlafen, aber mit viel Geschichte und einer vernachlässigbaren Moderne. Leben möchte ich hier trotzdem nicht, schon alleine weil die durchschnittliche Temperatur im Jänner bei weniger als -10 Grad liegt, wobei es in der Nacht auch schnell Mal auf -30 Grad runterflutschen kann. Die Highlights sind aber allesamt fussläufig erreichbar oder man nutzt – wie sehr viele andere auch – das Fahrrad. Emilia und Kerstin haben sich heute zur Aufgabe gemacht, alle zu zählen, die sie sehen. Ich glaube, dass sie bei 156 oder so aufgehört haben. Wir haben jedenfalls knappe neun Kilometer zu Fuß zurückgelegt und ich muss echt sagen, dass ich unglaublich stolz auf die Mädels bin, wie fleißig sie das ganze Programm mitmachen. Klar gibt’s immer mal wieder Unstimmigkeiten oder Rumgemotze, aber im Großen und Ganzen sind wir sehr froh, wie gut alles funktioniert. Und man muss bedenken, dass die weiten Strecken für die kleinen Stummelbeinchen ja nochmals um ein Eck mehr Schritte bedeuten. Und acht Stunden zum Sightseeing auf den Beinen bei strahlendem Sonnenschein und Temperaturen von über 30 Grad sind selbst für Erwachsene herausfordernd. Also, weiter so, Kiddos, ihr seid spitze! 

Und hier noch ein paar Bilder des Tages:

Laut Julia ist das eine riesige Nudel!
Das nationale Kriegsdenkmal
Das Château Laurier, ein Hotel in dem man gerne auch mal 10.000$ für eine Nacht bezahlt.
Teil der National Art Gallery
Aaaaah, lass das, Zwicki!
Interessante Gebäude gibt es hier zuhauf
Bringt mir Mister Morrison jetzt mein magisches Tier??
Solche Szenen kommen doch oft in Horrorfilmen vor, oder?

Eine Antwort zu „Ottawa erleben – Zu Fuß, mit Bus und Boot”.

  1. Hallo, ihr Lieben ☺️ Es ist schon sehr faszinierend, was ihr so den ganzen Tag erlebt und unternehmt, während wir gemütlich im Schatten liegen und eine Abkühlung im Pool in Asp genießen. GLG und habt noch eine schöne Zeit ☀️😎❤️

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