Wie sehr ich unsere Holzhütte heute Nacht doch vermisste. Die Matratze im Howard Johnson war mit Abstand die schlimmste, auf der wir in unseren bisherigen zwei Wochen schlafen mussten. Gut, dass es nur für eine Nacht war und zumindest die Kids gut geruht hatten. Entgegen gelacht hat mir in aller Früh das Geschenk, das mir Anita gestern Abend noch überreichte: Ein Streifenhörnchen zum Kuscheln als Hommage an das von mir überfahrene. Julia beschäftigt der kleine Zwischenfall übrigens immer noch und so fragt sie regelmäßig, was denn passieren würde wenn dieses oder jenes Tier über die Straße laufen würde.

Nach dem überschaubaren Frühstück im Hotel fuhren wir knappe anderthalb Stunden nach Vaughan (einfach Waun ausgesprochen) und bereits 12 Kilometer vor unserem Ziel sahen wir in der Ferne die ersten Rollercoaster von Canada‘s Wonderland. „Was passiert eigentlich, wenn ein Reh vor uns über die Straße läuft?“ Schweren Herzens fuhren wir an den Achterbahnen vorbei, denn unser Ziel war ein anderes: Das Legoland Discovery Center im Einkaufszentrum Vaughan Mills. Schon beim Frühstück buchten wir unseren Slot um 11:30 Uhr und waren rechtzeitig vor Ort. Und mit uns gefühlte 3.000 andere Menschen. Im Vergleich zum normalen Legoland lag der Fokus dort nicht auf großen Rides, sondern eher auf der Kreativität. Aber natürlich durften ein paar kleinere Attraktionen, wie ein interaktiver Darkride durch eine Schlacht mit Rittern und Skeletten, ein Pfftpfftpffffftpft-4D-Kino und zahlreiche Stationen zum kreativen Bauen nicht fehlen.




Vergnügungsparks, Indoor Spielplätze und Wasserparks ziehen meiner Meinung nach immer ganz besondere Menschen an. Und davon jede Menge. Eine Kategorie Mensch, die echt nur noch eine Haaresbreite von der Bezeichnung Abschaum entfernt ist. Manche Kinder droschen auf die Infotablets drauf, kletterten auf Ausstellungsstücke obwohl das Schild daneben eindeutig das Gegenteil sagte, es wurde gedrängelt und geschubbst. Ein Kind stieg mir auf die Füße und was war die Reaktion? Schaute mich an, als wäre ich der Böse, hätte seinen Fuß gehoben und ihn auf meinen drauf geknallt. Ein kurzes Sorry wäre angemessen gewesen, Reid-Tyler, du kleiner Pisser!
Ein orangefarbener Duplo-Stein lag am Boden (also allein aufgrund der Farbe kaum zu übersehen) und was machte Jason Junior? Stieg drauf, um zu schauen, ob der Stein das Gewicht aushalten würde, das vermutlich aufgrund der Tatsache, mit pürierten Burgern aus der Flasche großgezogen worden zu sein, pro Jahr zweistellig zu dem angewachsen war, was nun vor mir stand. Ein verzogener, fetter, kleiner Mistkerl, der sich einfach daran erfreute, Dinge zu zerstören. Und die Eltern? Standen daneben und fühlten sich von dem Missverhalten ihrer eigenen Brut unterhalten. Oh, wie sehr ich solche Menschen verabscheue. Aber gut, allein die camouflagefarbenen Military-Crocs hätten alles verraten sollen.
Unsere Kinder werden so erzogen, dass sie Rücksicht auf andere nehmen und einander helfen sollen. Dort galt dies alles nicht. Ein dystopischer Ort, aus Legosteinen gebaut.
Naja, aber nicht alles war schlecht. Im Vorfeld kauften wir für 5$ Aufpreis ein Kombiticket mit einer Virtual Reality Experience, die wirklich nett war. Wir nahmen Platz in einem futuristisch aussehenden Ei, bekamen eine frisch desinfizierte (also mit demselben Fetzen abgewischt, der schon bei den letzten 8262 Fahrten benutzt wurde) VR-Brille aufgesetzt und tauchten ein in eine virtuelle Welt. Anita war unsicher, wie sie die Bewegungen und virtuellen Bilder vertragen würde und auch Kerstin machte sich Gedanken. Ihr wird nämlich sogar beim Bauen eines 3D-Puzzles schlecht. Puzzeln extrem. Ein Leben am Limit. Aber sie waren tapfer und haben es ohne akutem Brechreiz geschafft.


Spaß hatten wir außerdem beim Versuch, möglichst stabile und schnelle Flitzer zu bauen, die wie eine Rampe runterrutschen ließen. Gewonnen hat eindeutig Julias Gefährt, während meines schon bei der Abfahrt in die Leitplanken krachte.

Ich liebe Vergnügungsparks mit allem drum und dran, aber diese Einrichtung wurde selbst mir irgendwann zu viel. Dieser durchgehend extreme Lärmpegel, gepaart mit stickiger Luft und dem ständigen Drang, irgendeinem rücksichtslosen Kind das Bein stellen zu wollen, führte dazu, dass ich zum ersten Mal seit langem wieder Kopfschmerzen hatte. Generell hätte ich vom Legoland Discovery Center ehrlich gesagt ein bisschen mehr erwartet. Gerade beim genaueren Hinsehen merkte man, dass man keinen großen Wert auf eine saubere Verarbeitung der Ausstattung legte. Schief aufgeklebte Rückwände, schlecht abgestimmte Licht- und Soundeffekte und andere Dinge, die 99% der Besucher vermutlich nicht mal auffallen und deshalb als unnötig deklariert wurden. Wenn man sich also nicht zu sehr auf Details fokussiert und die Gabe hat, Gekreische und ignorante Menschen auszublenden, macht’s sicher Spaß. Ich war jedenfalls froh, als ich mir das letzte von geschätzten 28 Malen die Hände desinfiziert hatte und das Tageslicht beim Ausgang sehen konnte. Das Ende war nah.

Eigentlich wären noch 30 Minuten Restfahrzeit bis zum Hotel eingeplant gewesen, aus denen aber eine Stunde wurde, da es teilweise heftig schüttete und generell der Abendverkehr begann einzusetzen. „Und was, wenn ein Stier über die Straße läuft?“ Aus dieser Stunde würden normalerweise dann überhaupt anderthalb werden, da meine Superkraft laut Emilia ja das Verfahren sei. Am siebenspurigen Highway die richtige Spur zu finden und sich rechtzeitig einzuordnen war tatsächlich ein wenig herausfordernd, aber wir haben es schließlich geschafft und die Garage ohne Probleme gefunden.


Ähnlich wie im Discovery Center mussten wir uns erstmals beim Checkin anstellen, da mit uns gleichzeitig zahlreiche andere Gäste ankamen. Unser Zimmer ist leider nicht ganz so groß wie erhofft, denn wir wollten nach über zwei Wochen endlich mal die Koffer ausräumen, um sie dann schlussendlich für den Heimflug packen zu können. Auf der Suche nach Abendessen spazierten wir die Yonge Street hinunter, bis wir in die Dundas Street einbogen, wo sich unser Ziel befand: Denny‘s. Man merkte sehr schnell, dass wir wieder in der Großstadt waren. Der Geruch wechselte zwischen Marihuana, Exkrementen und Frittierfett. Die Soundkulisse bewegte sich zwischen lauter Musik aus vorbeifahrenden Autos, herumschreienden Psychosen und den Sirenen von Polizei, Feuerwehr und Rettung. Erinnerungen an Sydney wurden wach, das wir auch im falschen Moment kennengelernt hatten. Auffallend war jedenfalls, dass der Boden bei Regen stellenweise verdammt rutschig war. Nicht nur Fräulein Geschickt rutschte zweimal aus, sondern auch ich musste vorsichtig sein, nicht auf meinem Allerwertesten zu landen.




Bei Denny‘s angekommen erwartete uns ein vorzügliches und viel zu umfangreiches Abendessen. Dem Foodkoma nahe wankten wir die 700 Meter wieder in unser Hotel und waren mehr als bereit fürs Bett. Morgen zeigt sich Toronto sicher gleich von einer viel besseren Seite und auch der Wetterbericht sieht schon viel trockener aus:

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